Suche
  • Noémi Szabina Haugk

Offenheit und Öffentlichkeit


Ich habe von Anfang an kein Geheimnis aus meiner Krankheit gemacht. Die Diagnose Multiple Sklerose ist nun beinahe fünf Jahre her und gleich zu Beginn waren wir uns als Familie einig, offen damit umzugehen. Ich war in erster Linie mit mir selbst einig darüber, über meine Krankheit sprechen zu wollen, auch wenn das Können später kam. Am Anfang war für viele Monate ein Sprechen darüber ohne Schmerz und Tränen nicht möglich. Jahrelang habe ich innerlich meine Krankheit nicht akzeptieren wollen. Ich habe sie und damit auch einen Teil von mir abgelehnt. Offenheit hat mir geholfen, diese Akzeptanz zu entwickeln. Heute verstehe ich, dass die MS ein Teil von mir ist. Ich fühle, sie gehört zu mir. Sie lässt sich nicht leugnen und verstecken. Sie ist immer da. Sie begleitet mich tagtäglich, lehrt mich, mahnt mich, bremst mich, ermuntert mich, stärkt mich. Und all die Symptome meines Körpers gehören genauso zu mir, wie mein Gesicht, meine Haare, meine Statur, meine Stimme. Wenn ich mich voll und ganz annehmen möchte, gehört auch die MS dazu, warum soll ich dann nicht auch in der Öffentlichkeit zu ihr stehen? Ich stehe zu mir, voll und ganz, eben auch mit der MS. Zugegeben, in guten Zeiten fällt es mir leichter, mich mitzuteilen, als in schlechten Tagen. Gerne ziehe ich mich zurück, wenn ich merke, dass die MS in mir wieder Beachtung braucht. Dann hilft mir der innere Dialog mit mir selbst, dann finde ich die Antworten auf all meine Fragen und Unsicherheiten in mir drin verborgen. In Bauch, Kopf und Herz entdecke ich einen Schatz aus neuen Wegen und Einsichten durch Denken und Fühlen in der Stille. In solchen Momenten kann ich gar nicht nach außen kommunizieren, so gern mir manche Freunde mit Wort und Gesten helfen und zuhören würden, ich bin schon im Dialog und zwar mit mir selbst. Und dann gibt es die heiteren Tage, wo mich die MS Träume verwirklichen lässt und mir Kraft spendet, meine ganz eigene persönliche Geschichte weiterzuleben. Ihr wisst, dass ich dann gerne zeige, was ich mit MS noch leisten kann. Zum einen tue ich das, weil ich mächtig stolz und ehrfurchtsvoll dankbar bin für das, was mein Körper gerade leistet. Singen, tanzen, Gitarre spielen, lachen, malen, gehen. Ich halte solche Momente fest in Bild und Ton, denn vor drei Jahren wäre all das nicht denkbar gewesen. Und wenn es mir gesundheitlich doch wieder schlechter geht, phasenweise oder dauerhaft, wegen der MS oder aus anderen Gründen, dann habe ich doch den Kopf und mein Herz voll mit Erinnerungen, dann kann ich auf Bildern und Videos sehen, dass ich gelebt habe, wie es zu mir passt, dass ich mich bewegt habe, dass ich mir meine Wünsche erfüllt habe, dass ich meine Träume verwirklicht habe! Ich zeige dir, was mit MS möglich ist. Und das ist der zweite Grund, warum ich mich so offen mit meinen Fehlern und meinen Fähigkeiten zeige. Seitdem ich im Herzen offen für mich bin und bereit bin, mich mit meinem Körper und allem was dazu gehört anzunehmen, kommt diese Offenheit auch in der Öffentlichkeit an und wieder zurück. Ich lerne bei meinen Ausstellungen und Konzerten so wunderbare Menschen kennen, die mir Offenheit entgegenbringen, ein offenes Herz für mein Wesen und offene Lippen und Stimme für ihre eigene Geschichte. Sie öffnen für mich ihr eigenes Päckchen und lassen mich einen Blick hineinwerfen und verstehen. Diese Menschen berühren mich, so wie ich sie zuvor mit meinen Liedern oder Bildern berührt habe. Eigene Verletzlichkeit zu zeigen erfordert eine Menge Mut und wird mit wahrer zwischenmenschlicher Nähe, mit Verständnis und Vertrauen belohnt. Drum stehe ich zu mir und meiner MS in der Öffentlichkeit. Das heißt, es gibt Dinge, die kann ich eben nicht tun, es gibt Zeiten, in denen kann ich nichts tun und es gibt Wunder, dich mich dazu befähigen, Verrücktes und Großes zu tun!

"Du bist mein großes Vorbild!" durfte ich in den letzten Tagen lesen. Ich bin unbeschreibbar glücklich darüber, dass ich trotz gesundheitlicher Einschränkungen und körperlicher Mängel mit meiner Willensstärke anderen Mut und Zuversicht geben kann. Ich weiß selbst, wie wichtig es ist, Vorbilder zu haben, ich orientiere mich doch selbst an MS-Betroffenen, die ihren Weg jenseits der Schulmedizin gefunden haben: Die amerikanische Ärztin Dr. Terry Wahls hat es mit einer selbst entwickelten Ernährungsumstellung aus dem Rollstuhl auf das Fahrrad geschafft. Dem Autor Sven Böttcher hat nur noch ein Schub gefehlt bis zum Jenseits, der wäre sein Letzter gewesen. Heute lebt er fit und schubfrei. Die MS-Bloggerin Samira von "Chronisch fabelhaft", die mich mit ihren Podcasts bestärkt, genauso weiterzumachen und an Aufgeben nicht zu denken! Wenn all diese Menschen nicht offen umgegangen wären, mit ihrer Krankheit und nicht an die Öffentlichkeit gegangen wären, wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin! Danke von ganzem Herzen für all diese Offenheit!


72 Ansichten

​© 2018 -2020. Noémi Szabina Haugk.

  • Facebook
  • Instagram