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  • Noémi Szabina Haugk

Sensibilität, meine "neue" Stärke


Es gibt Eigenschaften an mir, die mich daran hindern, mit einer leistungsorientierten Gesellschaft, mit Druck und Hektik klar zu kommen. Und diese habe ich nicht erst seit der MS. Als Kind war ich schon auffällig empfindlich. Ich wollte mich anpassen, habe mit Mühe versucht, meine besonderen Fähigkeiten zu verbergen und bin dabei gewaltig über meine persönlichen Grenzen gegangen. Meine Sensibilität habe ich stets als Schwäche empfunden.

Ich bin nah an Wasser gebaut. Kein Theaterstück halte ich ohne Tränen aus. Ich kann die Gefühle meines Gegenübers spüren. Oft verwechsle ich diese mit meinen eigenen. Ich nehme ohne Wahrnehmungsfilter gleichzeitig so viele Reize auf. Mein Kopf und Herz brauchen schneller Ruhe und eine längere Pause, um Erlebtes zu verarbeiten.

Ich dachte immer, das kann ich wegtrainieren. Ich könne mich stark machen, mir dicke Schichten zulegen und meine Empfindsamkeit verhüllen. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich einen Teil von mir ablehne, der keine schlechte Marotte oder Krankheit ist, sondern zu meiner Persönlichkeit gehört!

Heute weiß ich meine Sensibilität zu schätzen! Hier und jetzt ist mir bewusst, dass sie ein Wesensmerkmal von mir ist. Nun nehme ich sie liebevoll an, wie den Rest von mir. Wenn ich mich vollständig annehme, wie ich bin, werde ich vollständig gesund. Gesundheit entsteht bei mir, wenn ich mich vollständig fühle. Wenn ich vollständig akzeptiert werde. Und zwar von mir selbst! Wenn ich jedes Merkmal von mir begreife, seinen Sinn erkenne und sein Dasein zu schätzen weiß. Tue ich das nicht, kämpfe ich gegen einen Teil von mir. Und solange ich kämpfe, kann kein Frieden entstehen. Frieden entsteht, wenn ich aufhöre zu kämpfen. Frieden in mir, in meinem Herzen, in meinem Kopf, in meinem Körper ist der Beginn von Gesundheit.

Ist es nicht interessant, dass ich schwer krank werden musste, um das zu begreifen? Ich habe über 30 Jahre gegen meine Sensibilität und somit auch gegen mich gekämpft. Darauf folgte eine Autoimmunerkrankung. Das war sicher nicht der einzige Auslöser für meine MS. Dennoch hat sie mir meine Sensibilität als Stärke vor Augen geführt! Und gnadenlos zeigt mir mein Körper mit der MS jeden Tag, dass es gerade meine Sensibilität ist, von der ich mich unbedingt führen lassen sollte, die ich in mein Leben integrieren sollte und worin meine Aufgabe zu finden ist.

Unter den MS-Betroffenen gibt es auffällig viele hochsensible Menschen, habe ich gelesen. Künstler gelten als sensibel. Ich glaube sogar, dass Sensibilität in jedem von uns steckt und dass jeder Wege finden kann, seinen Gefühlen näher zu kommen. Waren wir als Babys nicht alle hochsensibel? Das Fühlen war vor dem Denken da. Wie feinfühlig spüren Babys und Kleinkinder unausgesprochene Stimmungen, Emotionen, Konflikte!

Ich behaupte, dass mehr Sensibilität der Erde gut tun würde! Ohne Mitgefühl gibt es keine Veränderung! Nur mit Blick auf Profit und Leistungssteigerung geht es der Erde und ihren Lebewesen nicht gut. Der verseuchte Boden braucht unser Mitgefühl. Die in Massen gehaltenen Tiere brauchen unser Mitgefühl. Die mit Müll gefüllten Meere brauchen unser Mitgefühl. Die sterbenden Wälder brauchen unser Mitgefühl. Die unzähligen chronisch Kranken brauchen unser Mitgefühl. Ohne Sensibilität wird man keine guten Entscheidungen treffen. Nicht für sich selbst und nicht für die Welt. Drum darf Sensibilität keinesfalls als Schwäche angesehen werden. Im Gegenteil! Sie könnte der Schlüssel sein zu einer besseren Welt, denn sie bringt Mitgefühl und Liebe mit! Und das ist es, was die Welt jetzt braucht. Nicht Mitleid! Mitleiden schwächt! Sondern Mitgefühl! Mitfühlen macht stark und bewegt.

Nicht umsonst kommen wir mit Sensibilität auf die Welt. Sensibilität verstehe ich als Geschenk. Hat man die Stärken seiner eigenen Sensibilität erkannt und weiß diese sinnvoll einzusetzen, lassen sich Ziele viel tiefgründiger und langfristiger erreichen als mit dem Motto: Höher, schneller, weiter. Einfühlungsvermögen für seine Umwelt entwickelt man, wenn man es schafft, sich selbst Mitgefühl und Einfühlungsvermögen zu schenken. Ich weiß, das ist oft das Schwerste, für den eigenen Körper und das eigene Herz Verständnis aufzubauen. Aber nur so kann Sensibilität wachsen und das Mitgefühl für den anderen, wenn wir uns auch selbst vertrauen und unseren Wahrnehmungen glauben.

Traust du deinen eigenen Wahrnehmungen? Vertraust du deinen Emotionen? Hörst du auf dein "Bauchgefühl"? Glaubst du deiner ersten Eingebung? Wo bist du sensibel? Was ist dir zu viel? Wann wird es dir zu schnell, zu laut?

Ich werde nicht müde, meine gefühlvollen Bilder und Lieder hinauszuschicken, ich berühre dich gerne mit meinen Texten, mit Stimme und Melodien, wenn du es zulässt. Ich schäme mich nicht, bei meinen Konzerten zu weinen. Ich zeige mein Wesen offen vor Publikum und erzähle meine Geschichte. Ich zeige meine Sensibilität und hoffe, auch du entdeckst sie in dir! Ich halte dir den Spiegel vor! Ich nehme dich wahr, auch dann wenn ich oben auf der Bühne stehe und meine Lieder vom Leben singe. Ein Stück weit erzähle ich auch von deinem Leben. Und ich sehe, dass du lachst. Ich sehe, dass du weinst. Wunderbar! Zeige, dass du dich tief berühren lässt von dir und der Welt! Wir brauchen davon viel, viel mehr!

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​© 2018 -2020. Noémi Szabina Haugk.

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